Marl/Oer-Erkenschwick. Er war immer der Mann im Hintergrund, stand ungerne im Vordergrund: Qing Wang (32), Gastronom in Oer-Erkenschwick und Marl, Einfädler des Chinesischen Groß-und Außenhandelszentrums und nun Angeklagter vor dem Landgericht Bochum. Es geht um Steuerhinterziehungen von mehr als 900.000 Euro.
Eine halbe Stunde lang las der Staatsanwalt die Vorwürfe vor. Monat für Monat waren zwischen 2003 und 2008 falsche Erklärungen abgegeben worden. 104 Fälle betrafen den Marler Qing Wang, 57 Fälle seinen 47-jährigen Marler Geschäftspartner. Äußern wollten sich die Angeklagten vor der Kammer für Wirtschaftsstrafsachen zunächst einmal nicht. Alle Verfahrens-Beteiligten zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück – zu einem Rechtsgespräch.
„Chinapavillon“ (in Oer-Erkenschwick) und „Chinagarden“ (in Marl) galten als gutgehende Gaststätten. Das schlossen Beobachter jedenfalls aus dem bemerkenswerten Fuhrpark des Betreibers. Außerdem galt er als Importeur von griechischem Marmor und als Vermittler von Finanzierungen.
Seinen größten Coup landete er als Vermittler, als im November 2007 ein Chinesische Investorengruppe im Marler Rathaus vorstellig wurde, um ein Großhandelszentrum zu bauen (zurzeit gilt das als gescheitert, weil die Investoren zerstritten sind). Qing Wang wollte dafür in der Marler „Gartenstadt“ auf 8000 qm Häuser für chinesische Familien bauen.
Im Februar 2009 kam das Gerücht auf, die Staatsanwaltschaft Bochum ermittele gegen ihn wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe. Auch seine Räumlichkeiten im Sparkassenhochhaus in Marl-Hüls wurden durchsucht.
Zwei Monate später kam es noch ärger: Gegen den chinesischen Gastronomen wurde Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung erstattet. Aus einer verbale Auseinandersetzung mit seinem Kontrahenten wurde eine handgreifliche. Eine Schere war auch noch im Spiel.
Die Marler Politiker waren beunruhigt, forderten den Austausch des Verbindungsmannes. Bürgermeisterin Uta Heinrich warnte: Wenn er nicht akzeptiert werde, „dann ist das das Ende des China-Projektes“.
Gleichwohl war Qing Wang nicht aus der Schusslinie. Weil er in Oer-Erkenschwick Gewerbesteuer schuldig war, klopfte der Kreis bei Marl um Amtshilfeersuchen an: „Chinagaraden“ solle geschlossen werden. So geschah es. Mittlerweile hat er sein Engagement als Gastronom aufgegeben.
Als Kontaktmann für den Fernen Osten war er auch im Sommer 2010 noch eingebunden. Er war schließlich der Freund des Provinz-Polizeichefs, der mittlerweile zum Wirtschaftsminister aufgestiegen war. Im Marler Rathaus aber wurde er nicht gesehen.
Auf drei Verhandlungs-Tage war der Steuerprozess in Bochum angesetzt worden. Das Rechtsgespräch zeigte den Lösungsweg: Die Vorwürfe werden von den Anwälten der beiden Angeklagten „abgenickt“, am Ende wird es zu einer Bewährungsstrafe für die beiden Angeklagten kommen, so der Hertener Anwalt Edgar Fiebig auf Nachfrage. Ein Teil der Steuerschulden seien schon beglichen worden. Die Angeklagten würden sich nach ihren Möglichkeiten um eine Wiedergutmachung bemühen – sie sind arbeitslos.
Es bleibt noch eine kurze Verhandlung am kommenden Dienstag mit einer Urteilsverkündung.

