
Das riesige Gerüst steht schon fast vollständig. Andreas Schäfer von Gerüstbau Lange befestigt die letzten Sicherungsbolzen. Fotos: Grone/Stadt Marl
Marl. Es ist nicht zu übersehen: Der erste der beiden Bürotürme ist nahezu vollständig eingerüstet, der zweite Turm folgt in Kürze, die Vorbereitungen für die Entkernung beginnen in den nächsten Tagen: Die Sanierung des Rathauses Marl hat Fahrt aufgenommen.

Der erste der beiden Rathaustürme ist nahezu vollständig eingerüstet.
„Wir erleben momentan die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Marls Technische Dezernentin Andrea Baudek. Doch das werde sich „spätestens im Frühjahr“ ändern, wenn die Entkernung der Rathaustürme beginnt und sich die Handwerker im Rathaus „die Klinke in die Hand geben“.
Die Vorbereitungen für die Entkernung der beiden Türme mit fünf und sieben Büroetagen beginnen in der kommenden Woche. Dafür werden in einem ersten Schritt die Stromleitungen gekappt, die Türme und das Zentralgebäude vom Stromnetz des Rathauses genommen. „Damit stellen wir sicher, dass bei den nachfolgenden Bauarbeiten die Stromversorgung des Sitzungstraktes nicht gefährdet wird“, ergänzt Christian Stojek, Diplom-Ingenieur im städtischen Projekt-Team für die Rathaussanierung. Schließlich wird der Sitzungstrakt noch zwei Jahre lang für Versammlungen und standesamtliche Trauungen genutzt, bevor auch hier die Sanierungsarbeiten beginnen.

Ein letzter Blick ins Bürgermeisterbüro. Bürgermeister Werner Arndt nimmt Abschied von seinem Büro. Bis auf den Schreibtisch ist alles ausgeräumt. Das hochwertige Möbelstück bleibt erhalten.
Eine große Leere
Bevor die Entkernung der Türme und des Zentralgebäudes beginnen kann, müssen die Gebäudeteile auch von Wärmeversorgung des Rathauses abgekoppelt werden. Stattdessen wird dort eine sogenannte Bauheizung errichtet, die die Gebäudeteile in den Wintermonaten vor dem Auskühlen bewahrt.
Einen ersten Eindruck von der Entkernung der Türme, die im Frühjahr beginnt, bietet die erste Etage im Turm I. Die Büros sind verschwunden, alle Zwischenwände, die in Leichtbauweise errichtet wurden, sind restlos entfernt. Es sieht leer und tostlos aus.

Bürgermeister Werner Arndt, Baudezernentin Andrea Baudek sowie Architektin Dorothea Abraham und Bauingenieur Christian Stojek (v.l.n.r.) standen bei einer Baustellenbesichtigung der Presse Rede und Antwort.
Bei der Entkernung im März und April wird hier und auf allen anderen Etagen auch die Außenfassade komplett entfernt. Die Wärmedämmung der Fassaden wird später auf den neusten technischen Stand gebracht. Im Rahmen der energetischen Sanierung werden auch die Fenster – sie gehören weltweit zu den ersten Kunststofffenstern – vollständig ersetzt. Insgesamt werden in beiden Türmen ca. 4.500 qm Böden, 9.700 qm Decken und ungefähr 500 Türen ersetzt und 1.300 qm Wände neu erstellt. Das gesamte Rathausgebäude wird denkmalgerecht saniert, die Optik der Türme bleibt somit erhalten. „Sie werden wieder zu einem echten Hingucker“, verspricht Baudezernentin Andrea Baudek.
Die Bürotürme stellen eine bauliche Besonderheit der Rathausarchitektur dar. Sie waren die ersten Hängehochhäuser ihrer Art, die in der Bundesrepublik Deutschland errichtet wurden. Die Etagen werden von Stahlbändern getragen, die innen durch alle Stockwerke geführt werden und an einer Stahlkonstruktion auf dem Dach befestigt sind. Die Konstruktion steht auf dem „harten Kern“ der Türme, den die Treppenhäuser mit den Fahrstühlen in massive Betonbauweise bilden. Die betonummantelten Stahlbänder, die senkrecht an den Außenseiten verlaufen und eine unterstützende Funktion bei der Ableitung der Tragkräfte haben, werden entsprechende der Vorgaben des Denkmalschutzes sorgfältig betonsaniert.

Analoge Technik aus den 60er Jahren wird es nach der Sanierung nicht mehr geben. Die unterirdische Heizungsanlage, damals noch für vier Türme projektiert, wird komplett erneuert.
Die reiche Stadt Marl verbaute nur hochwertigste Materialien
Zu den Besonderheiten des Rathauses gehören auch die hochwertigen – und heute wohl unbezahlbaren – Materialien, die beim Bau des Gebäude-Ensembles verwendet wurden. So wurde im Innenausbau auf eine Kombination unterschiedlicher hochwertiger Baumaterialien gesetzt. So domminieren im repräsentativen Sitzungstrakt exklusive Holzvertäfelungen und feine Wandmosaiken in wechselnden Farbtönen – Materialien, deren behutsame Sanierung besondere Lösungen erfordert, damit auch hier den Anforderungen des Denkmalschutzes Rechnung getragen werden kann. Wegen des Denkmalschutzes, der sich auf das gesamte Gebäude und Teile der Außenanlagen erstrecke, sei die Stadtverwaltung „in einem permanenten und konstruktiven Austausch mit dem Denkmalschutz-Behörden“, erklärt Dorothea Abraham, Architektin im Projketteam für die Rathaussanierung.
Das Gebäude-Ensemble ist ein herausragendes Beispiel für die Architektur der Ruhrmoderne. Es wurde 2018 von der Landesinitiative StadtBauKultur NRW als „Big Beautiful Building“ („Großes schönes Gebäude“) ausgezeichnet und gilt als „Symbol demokratischer Baukultur“, die Besucher nicht als Bittsteller, sondern selbstbewusste Bürgerinnen und Bürger einer demokratischen Gesellschaft betrachtet.
Zirka 70 Mio. Euro sind für die energetische und denkmalgerechte Runderneuerung des Rathauses veranschlagt und für die nächsten Jahre im städtischen Haushalt eingestellt. Gute 10 Millionen Euro hat die Stadt bereits an Bundes-und Landesmitteln aus dem Stadterneuerungsprogramm erhalten. Weitere Zuwendungen sind in Aussicht gestellt.

